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Bandscheibenvorfall

Bevor die Krankheitsentstehung eines Bandscheibenvorfalls verstanden werden kann, folgen zunächst ein paar einführende Worte zu dem Aufbau und der Funktion der Bandscheiben im menschlichen Körper. Unsere Wirbelsäule hat 23 Bandscheiben. Diese Bandscheiben liegen zwischen den 24 beweglichen Wirbelkörpern der Wirbelsäule.

Die Wirbelsäule besteht aus insgesamt 32 bis 34 Wirbelkörpern, die aufgeteilt sind in 7 Halswirbelkörper, 12 Brustwirbelkörper, 5 Lendenwirbelkörper, 5 Kreuzwirbelkörper und 3 bis 5 Steißwirbelkörper (variiert von Mensch zu Mensch).

Die Hals-, Brust- und Lendenwirbel bilden den beweglichen Teil der Wirbelsäule, in dem sich zwischen den Wirbelkörpern Bandscheiben befinden. Kreuzwirbel und Steißwirbel sind verknöchert, ineinander verwachsen und unbeweglich. Zwischen dem ersten Wirbel, dem "Atlas" und dem zweiten Wirbel, "Axis" ist kein Wirbelkörper vorhanden, um die Bewegungsfreiheit des Kopfes zu gewährleisten. Die letzte Bandscheibe liegt zwischen dem fünften Lendenwirbel und dem ersten Kreuzwirbel.

In den Wirbelkörpern verläuft das Rückenmark im sogenannten "Wirbelkanal". Das Rückenmark ist Teil des zentralen Nervensystems und stellt funktionell die Verbindung und Schaltzentrale zwischen Gehirn und peripherem Nervensystem dar. Es besteht aus sensorischen Fasern, die afferent (aufsteigend) verlaufen und motorischen Fasern, welche efferent (absteigend) verlaufen. Diese Fasern bestehen wiederum aus Millionen von Nervenzellen.

Sensorisch meint die Sinne betreffend, also z.B. Berührung, Temperatur, Schmerz etc. Motorisch meint muskulär, also z.B. das Bewegen eines Armes. All dies wird über das Rückenmark geleitet. Das Rückenmark ist gegliedert in ein Hinterhorn und ein Vorderhorn, von denen jeweils eine Nervenwurzel nach beiden Seiten hin entspringt. Diese Nervenwurzeln vereinigen sich dann anschließend zu zwei Spinalnerven pro Segment.

Zusammen bilden demnach zwei Spinalnerven ein Segment. Insgesamt verfügt das Rückenmark über 31 bis 33 Segmente, also 31 bis 33 Spinalnerven auf der rechten und 31 bis 33 Spinalnerven auf der linken Seite des Rückenmarks. Die Segmente können eingeteilt werden in Hals- (= Cervikal: C1 - C8), Brust- (= Thorakal Th1 - Th12), Lenden- (= Lumbal: L1 - L5), Kreuz- (= Sakral: S1 - S5) und Steißsegmente (= Coccygeal Co1 - Co3). Das Halssegment hat 8 Segmente, doch gibt es nur 7 Halswirbel.

Das liegt daran, dass das erste Spinalnervenpaar die Wirbelsäule über dem ersten Halswirbel verlässt und das achte Spinalnervenpaar die Wirbelsäule über dem ersten Brustwirbelkörper verlässt. Von dort an verlassen die Segmente die Wirbelsäule immer unter dem entsprechenden Wirbelkörper, also z.B. Spinalnervenpaar Th4 verlässt die Wirbelsäule unter dem vierten Brustwirbel und über dem fünften Brustwirbel oder Spinalnervenpaar L5 verlässt die Wirbelsäule unter dem fünften Lendenwirbel und über dem ersten Kreuzwirbel.

Das Spinalnervenpaar C6 jedoch verlässt die Wirbelsäule über dem sechsten Halswirbel und unter dem fünften Halswirbel. Wichtig anzumerken ist noch, dass das Rückenmark beim Menschen kürzer als dessen Wirbelsäule ist. Das Rückenmark endet ungefähr auf Höhe des ersten oder zweiten Lendenwirbelkörpers, mit dem sogenannten "Conus medullaris". Von dort ziehen die Wurzelfasern als "Cauda equina" (= Pferdeschwanz) weiter, bis sie auf Höhe ihres entsprechenden Wirbelkörpers austreten.

Eine Bandscheibe besteht aus einem sehr widerstandsfähigen Faserknorpelring, der gefüllt ist mit einem inneren "Gallertkern". Dieser Gallertkern hat eine geleeartige Konsistenz und besteht zu 80 % aus Wasser.

Wissenswert

Der Grund warum Menschen morgens ca. 1-2 cm größer sind als abends ist auf den Flüssigkeitsverlust des Gallertkerns zurückzuführen. Bei Belastungen der Bandscheiben verlieren die Bandscheiben Flüssigkeit, die während des Schlafes wieder zurückverlagert wird.

Bandscheiben fungieren als Stoßdämpfer für die Wirbelsäule. Mit ihrem geleeartigen Gallertkern wirken sie auf die Wirbelkörper wie ein "Wasserkissen", das den Druck des Körpergewichtes abfedert. Bandscheiben werden nicht wie beispielsweise Muskelgewebe oder innere Organe durch den Blutkreislauf "ernährt" sondern erhalten ihre Nährstoffe durch Diffusion. Diffusion beschreibt den Transport von Nährstoffen in Form von Molekülen über "semipermeable" (= teilweise passierbare) Membranen.

Diese Art der Ernährung hat den Nachteil, dass Knorpelgewebe eine sehr geringe Regenerationsfähigkeit hat und sich nach Verletzungen nur schwierig erholen kann.

Was sind die Ursachen und Risikofaktoren eines Bandscheibenvorfalls?

Bandscheibenvorfälle treten am häufigsten im Alter von 30 bis 50 Jahren auf und können unterteilt werden in degenerative, traumatische und neoplastische Prozesse. Die Reihenfolge der genannten Ursachen entspricht auch ihrer Häufigkeit.

Hinweis

Der mit Abstand häufigste Grund für einen Bandscheibenvorfall sind degenerative Prozesse. Hiermit ist die schleichende Rückbildung von Zellen bzw. deren Verfall gemeint, der folgendermaßen zu erklären ist. Ab dem 20. Lebensjahr werden Bandscheiben nicht mehr mit Blut versorgt, sondern ernähren sich als faserknorpeliges Gewebe ausschließlich durch Diffusion.

Zudem ändert sich die strukturelle Zusammensetzung des Knorpelgerüsts. Dadurch festigt sich der Faserknorpelring (=Anulus fibrosus), der den geleeartigen Gallertkern umgibt, doch wird anfälliger für Verletzungen und Mikrotraumata. Aufgrund der diffusionsartigen Nährstoffversorgung des Faserknorpels der Bandscheibe ist die Regenerationsfähigkeit mit steigendem Alter drastisch verringert und es kommt durch wiederholte Verletzungen zu kleinen Einrissen.

Der Gallertkern (= Nucleus pulposus) der Bandscheibe verlagert sich aufgrund seiner geleeartigen Konsistenz in den Bereich des geringsten Widerstandes, was in einer degenerativ veränderten Bandscheibe die kleinen Einrisse sind. Bei sogenannten "Bagatelltraumata" wie beispielsweise dem "Bücken, um sich die Schuhe zuzubinden" kann es nun zur Vorwölbung bzw. zum Vorfall des Gallertkerns (=Nucleus pulposus) kommen.

Eine Vorwölbung bezeichnet man in der Fachterminologie auch als "Diskusprotrusion" und einen Vorfall auch als "Diskusprolaps", d.h. ein Bandscheibenvorfall kommt von dem Verb "nach vorn fallen" und nicht etwa von dem Vorfall als Synonym zum "Ereignis".

Beide Ereignisse können eine Bandscheibenvorfallsymptomatik auslösen. Begünstigt wird der beschriebene degenerative Bandscheibenvorfall durch eine genetische Prädisposition, also durch ein familiäres Auftreten von Bandscheibenvorfällen. Zudem spielen Bewegungsmangel, ständiges Sitzen und die Haltung eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung eines Bandscheibenvorfalls.

Der Grund, warum viele Büros heutzutage Stehtische, Sitzbälle, etc. in ihre Arbeitsräume integrieren ist der Prophylaxe von Bandscheibenvorfällen zu schulden. Das Heben schwerer Lasten, insbesondere ohne entsprechende Aufwärmübungen und mit falscher Technik begünstigen ebenfalls das Auftreten von Bandscheibenvorfällen.

Obgleich degenerative Bandscheibenvorfälle schließlich auch von "Bagatelltraumata" ausgelöst werden, sind diese meist nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Echte Traumata, wie z.B. eine übermäßige Verdrehung der Halswirbelsäule oder Wirbelfrakturen können natürlich ebenso Bandscheibenvorfälle auslösen. Extreme Belastungen für die Wirbelsäule können zu einem sofortigen Einriss des Faserknorpelrings mit Vorfall des Gallertkerns führen, die ebenfalls eine Bandscheibenvorfallsymptomatik auslösen.

Als dritte Ursache für das Auftreten von Bandscheibenvorfällen wurden neoplastische Prozesse genannt. Neoplastische Prozesse bezeichnen Neubildungen in direkter Umgebung der Bandscheibe, die zu einem Vorfall derer führen können. In den meisten Fällen sind dies Wirbelsäulenmetastasen von Krebs, oder Tumoren des Rückenmarks. Durch die Infiltration der Metastasen in den Faserknorpelring kann es erneut zum Vorfall der Bandscheibe kommen und eine Bandscheibensymptomatik kann ausgelöst werden.

Tumoren des Rückenmarks können durch Kompression und Verschiebung benachbarter Strukturen einen Bandscheibenvorfall entweder auslösen oder eine Bandscheibenvorfallsymptomatik zur Folge haben.

Die Schmerzen und motorischen Ausfälle, die durch einen Bandscheibenvorfall ausgelöst werden, entstehen durch die Kompression des Rückenmarks oder des Spinalnervs durch die vorgefallene Bandscheibe. Eine Bandscheibe kann in drei verschiedene Richtungen "vorfallen". Je nachdem, in welche Richtung eine Bandscheibe fällt, tritt eine andere Symptomatik beim Betroffenen auf. Ein medialer (= zur Mitte hin) Vorfall der Bandscheibe würde zu einer Kompression des Rückenmarks führen.

Ein lateraler (=zur Seite hin) Vorfall würde zu einer Kompression des Spinalnerven führen und ein mediolateraler (= diagonaler) Vorfall würde sowohl zu einer Kompression des Rückenmarks, als auch zu einer Kompression des Spinalnerven führen. Diese Art des Bandscheibenvorfalls ist mit ca. 90 % die häufigste.

Wissenswert

90 % der Bandscheibenvorfälle ereignen sich in der Region der Lendenwirbelsäule, nur 10 % in der Halswirbelsäule und weniger als 1 % in der Brustwirbelsäule.

Um die verschiedenen Syndrome, die nach einem Bandscheibenvorfall auftreten können, besser verstehen zu können, muss man sich noch einmal die Anatomie des Rückenmarks, die in der Einführung bereits kurz angeschnitten wurde, vor Augen halten:

  • Das Rückenmark besitzt pro Seite 31 bis 33 Spinalnerven, die den Wirbelkanal jeweils seitlich kurz unterhalb des zugehörigen Wirbelkörpers verlassen. Damit befinden sie sich in unmittelbarer Nähe zu den Bandscheiben, die sie normalerweise jedoch nicht berühren.
  • Eine Ausnahme bilden die Spinalnerven der Halsregion, da diese den Wirbelkörper oberhalb zum zugehörigen Wirbelkörper verlassen (C1 über erstem Halswirbel, C8 unter siebtem Halswirbel und über erstem Brustwirbel).
  • Das Rückenmark ist kürzer als die Wirbelsäule und endet ca. auf Höhe des ersten bis zweiten Lendenwirbels. Von dort ziehen die Wurzelfasern als "Cauda equina" (= Pferdeschwanz) weiter bis sie auf Höhe ihres entsprechenden Wirbelkörpers austreten. Bei einem mediolateralen (= häufigste Richtung) Bandscheibenvorfall zwischen dem vierten und fünften Lendenwirbel (= häufigste Lokalisation) ist nun nicht wie leicht anzunehmen der vierte Lendenspinalnerv (L4) betroffen, sondern der fünfte Lendenspinalnerv L5.

Dies ist nicht ganz einfach zu verstehen und oftmals ein Verständnisproblem für Medizinstudenten. Bei einem mediolateralen Prolaps der Bandscheibe zwischen dem vierten und dem fünften Lendenwirbel bleibt L4 unversehrt, da der Spinalnerv zwar kurz unterhalb des vierten Lendenwirbels seitlich austritt, aber sich immer noch höher befindet als die vorgefallene Bandscheibe. Der Spinalnerv L5 hingegen löst nicht in seinem Verlauf bereits von der Cauda equina (=Pferdeschwanz) los und befindet sich in diagonaler Richtung zum seitlichen Austritt kurz unter dem fünften Lendenwirbel.

Bei einem Vorfall der Bandscheibe zwischen dem vierten und fünften Lendenwirbel wird somit L5 vol getroffen und es bildet sich ein sogenanntes "L5-Syndrom" aus, mit typischer Ausfallsymptomatik. Anhand der Ausfälle kann dann auf die Lokalisation des Prolapses geschlossen werden. Darauf wird näher in "Symptomen" und der "Diagnose" eingegangen.

Bei einem Bandscheibenvorfall im Bereich der Halswirbelsäule ist die Herbeiführung des darauffolgenden Syndroms weniger komplex als in der Lendenwirbelsäule, da die Spinalnerven bei einem mediolateralen Bandscheibenvorfall direkt nach ihrem Austritt aus dem Rückenmark geschädigt werden. Das bedeutet ein Prolaps der Bandscheibe zwischen dem fünften und dem sechsten Halswirbel würde zu einer Kompression des sechsten Halsspinalnerven und somit zu einem "C6-Syndrom" führen.

Wie bereits erwähnt, ereignen sich 90 % der Bandscheibenvorfälle in der Lendenwirbelsäule. Davon ist das L5-Syndrom, also der mediolaterale Prolaps einer Bandscheibe zwischen dem vierten und dem fünften Lendenwirbelkörper, am häufigsten. Das S1-Syndrom, also der mediolaterale Prolaps einer Bandscheibe zwischen dem fünften Lendenwirbelkörper und dem ersten Kreuzwirbelkörper findet sich am zweithäufigsten und das L4-Syndrom, also der mediolaterale Prolaps einer Bandscheibe zwischen dem dritten und vierten Lendenwirbelkörper ist eher selten.

In der Halsregion sind das C6 (Bandscheibenprolaps zwischen fünftem und sechstem Halswirbelkörper) und C7 (Bandscheibenprolaps zwischen sechstem und siebtem Halswirbelkörper) jeweils gleich häufig mit ca. 37,5 % und das C8-Syndrom (Bandscheibenprolaps zwischen siebtem Halswirbelkörper und erstem Brustwirbelkörper) ist mit 25 % etwas seltener.

Was sind die Symptome eines Bandscheibenvorfalls?

Schmerzen bilden zunächst das dominierende Symptom. Akut einschießende Rückenschmerzen mit einem stechenden Charakter sind typisch für einen Bandscheibenvorfall. Rückenschmerzen sind häufig und werden jedem Menschen im Laufe seines Lebens begegnen und sprechen nicht sofort für einen Bandscheibenvorfall. Nur ein Bruchteil der Rückenschmerzen weist tatsächlich auf einen Bandscheibenvorfall hin.

Je nach Lokalisation des Bandscheibenvorfalls treten unterschiedliche Schmerzen und Symptome auf. Was die im Folgenden aufgelisteten Symptome alle gemeinsam haben, sind neben den Schmerzen sogenannte "Parästhesien". Hiermit sind Missempfindungen in der betroffenen Körperregion gemeint. Beispielsweise "Ameisenlaufen" auf dem Fußrücken, der Außenseite des Unterschenkels und der Großzehe würden für ein L5-Syndrom sprechen, da der fünfte Lendenspinalnerv diesen Bereich innerviert.

Bei Kompression des Nerven könnten nicht mehr alle Reize und Empfindungen übertragen werden und es würde zu Missempfindungen kommen. Auch kann es zu einer gänzlichen Absenz von Empfindung kommen - diesen Zustand nennt man "Hypästhesie". Ebenfalls innerviert der fünfte Spinalnerv Muskeln, die für die Hebung der Großzehe und die Eindrehung des Fußes wichtig sind. Bei einem L5-Syndrom wären motorische Ausfälle in diesen Bereichen zu erkennen. Dies wird in der Diagnose zur Lokalisation der Läsion genutzt.

Syndrome bei Kompression der Spinalnerven in der Halsregion (= 10 % d. F.):

Betroffen ist das Zwerchfell, weshalb Betroffene meist unter Atemnot leiden. Die Schmerzen sind v.a. im Hals lokalisiert, mit Ausstrahlung in die Schulter. Ein Bandscheibenvorfall zwischen dem dritten und dem vierten Halswirbel, der ein C4-Syndrom zur Folge hat, tritt sehr selten auf.

Betroffen ist v.a. die Schultermuskulatur, weshalb der Arm auf der betroffenen Seite nur sehr mühsam bewegt werden kann. Begleitend treten starke Halsschmerzen auf. Tritt auch sehr selten auf.

Bei diesem Syndrom ist besonders die Beugung des Armes betroffen. Für die Beugung des Armes ist der Bizepsmuskel zuständig, der über den sechsten Halsspinalnerv angeregt wird. Zudem kann es zu Empfindungsstörungen im Bereich der Daumenvorderseite und der Unterseite des Unterarms auf Seite des Daumens kommen. Dieses Syndrom macht 37,5 % der Bandscheibenvorfälle in der Halsregion auf.

Bei diesem Syndrom ist insbesondere die Streckung des Armes betroffen, die durch den Trizepsmuskel des Armes erfolgt. Hinzu kommt eine Empfindungsstörung auf der Unterarm-Vorderseite vom Zeigefinger bis kleinem Finger. Dieses Syndrom tritt gleich häufig wie das C6-Syndrom auf und ist für 37,5 % der Fälle eines Bandscheibenvorfalls in der Halsregion verantwortlich.

Bei dem C8-Syndrom würde man eine Abschwächung der Kleinfingerballenmuskulatur erwarten, mit Empfindungsstörungen am Unterarm auf der Seite des kleinen Fingers. Dieses Syndrom ist etwas seltener als das C6- und C7-Syndrom und tritt mit einer Häufigkeit von 25 % in der Halsregion auf. Nicht zu vergessen ist, dass Bandscheibenvorfälle in der Halsregion lediglich in 10 % der Fälle vorkommen.

Syndrome bei Kompression der Spinalnerven in der Lendenregion (= 90 % d. F.):

Bei diesem Syndrom ist eine Streckung im Kniegelenk erschwert, da der Quadrizeps femoris betroffen ist. Der Quadrizeps femoris ist ebenfalls für die Beugung des Hüftgelenks verantwortlich, weshalb auch diese erschwert sein wird. Mit Empfindungsstörungen ist v.a. über der Oberschenkelaußenseite, der Kniescheibe bis hin zur Unterschenkelinnenseite und Schienbeinvorderseite zu rechnen. Dieses Syndrom ist eher selten.

Das L5-Syndrom ist das häufigste Syndrom der Lendenwirbelsäule und damit auch der gesamten Wirbelsäule des Menschen. Aufgrund einer Gluteus medius Schwäche kommt es auf der betroffenen Seite zu einem sogenannten "Steppergang" mit "Fallfuß", bei dem das Stehen auf der betroffenen Seite nicht mehr möglich ist. Der Steppergang ist durch einen herabhängenden Fuß beim Laufen gekennzeichnet. Damit die Patienten nicht stolpern, beugen sie das betroffene Bein stärker in der Hüfte und im Knie, damit es nicht am Boden schleift. Die Patienten können auf der Ferse weder stehen noch gehen. Es kommt zu Empfindungsstörungen auf der Außenseite des Unterschenkels, dem Fußrücken, sowie der Großzehe.

Das S1-Syndrom ist das zweithäufigste Syndrom der Lendenwirbelsäule und kommt damit ebenfalls recht häufig im klinischen Alltag vor. Hierbei ist das Stehen auf Zehenspitzen für die Patienten nicht möglich. Das Abrollen und das Anheben des Fußes sind ebenfalls erschwert, was in einem sogenannten "Bügeleisengang" mit ständigem "Schlurfen" resultiert. Empfindungsstörungen sind auf der Hinterseite des Unterschenkels, sowie der äußeren Fußkante bis hin zum kleinen Zehen zu erwarten.

Patienten sollten unbedingt über die folgenden Komplikationen eines Bandscheibenvorfalls aufgeklärt werden. Plötzliches Verschwinden der Schmerzen mit zunehmender Taubheit , sowie Harn- und/oder Stuhl-Inkontinenz (unwillkürlicher Verlust von Urin oder Stuhl) weisen auf einen "Wurzeltod" hin.

Mit einem Wurzeltod ist das irreversible Absterben eines Nervs gemeint. Dem Patienten geht es plötzlich besser, da er keine Schmerzen mehr verspürt, doch ist dieses Gefühl voller Tücke, da der Nerv abzusterben droht. Zwei Syndrome sollen hierbei insbesondere besprochen werden, und zwar das "Conus medullaris Syndrom" und das "Cauda equina Syndrom":

Das Conus medullaris Syndrom tritt bei Kompression des Conus medullaris (= Ende des Rückenmarks) auf, welcher sich ungefähr auf Höhe des ersten bis zweiten Lendenwirbel befindet. Hierbei tritt eine symmetrische Taubheit im Bereich um den Anus, die Genitalien sowie die Innenseite des Oberschenkels auf, was auch als sogenannte Reithosenanästhesie bezeichnet wird, da die Empfindungsstörung die Form einer Reithose besitzt. Zudem kann es zu einer Harn- und Stuhlinkontinenz kommen.

Im Gegensatz dazu tritt das Cauda equina Syndrom meist asymmetrisch und auf die Beine bezogen auf. Die Reflexe der unteren Extremität (Patellasehnenreflex, Achillessehenreflex, etc.) fehlen meist. Auch kann es hier zu Harn- und Stuhlinkontinenz kommen.

Achtung

Im Falle einer solchen Symptompräsentation sollten betroffene Patienten umgehend einen Arzt aufsuchen, um den Bandscheibenvorfall, bzw. die Ursache der Kompression behandeln zu lassen. Nur somit kann ein Absterben des Nervs gewährleistet werden.

Wie wird der Bandscheibenvorfall diagnostiziert?

Die Diagnose eines Bandscheibenvorfalls beginnt mit der Anamnese. Hierbei ist abermals anzumerken, dass es sich bei Weitem nicht bei allen Rückenschmerzen um einen Bandscheibenvorfall handelt. Rückenschmerzen sind sehr häufig und nur in den wenigsten Fällen auf einen Bandscheibenvorfall zurückzuführen. Dennoch bringen in der Regel die plötzlich einsetzenden, sehr starken Rückenschmerzen den Patienten zum Arzt.

Die Anamnese beinhaltet Fragen des Arztes an die betroffene Person wie z.B., ob es ein auslösendes Ereignis gab, wo die Schmerzen lokalisiert sind, wie die Schmerzen angefangen und ob sie sich im Verlauf geändert haben.

Zudem wird gefragt, ob es in der Vergangenheit bereits ähnliche Schmerzereignisse gab, ob in der Familie Bandscheibenvorfälle bekannt sind, was der Beruf der Person ist und ob es prädisponierende Tätigkeiten für das Auslösen eines Bandscheibenvorfalls gibt (z.B. schweres Heben, Sprung aus großer Höhe, schnelle Rotationsbewegungen wie beim Golfen, etc.).

Des Weiteren ist die körperliche Untersuchung sehr wichtig bei der Diagnosefindung eines Bandscheibenvorfalls. Hierbei beobachtet der Untersucher, ob eine Schonhaltung des Patienten vorliegt, sowie Schmerzen bei Bewegungen des Patienten. Wichtig ist ebenfalls eine eingehende neurologische Untersuchung des Arztes, um die Nervenschädigung, bzw. Kompression genau lokalisieren zu können.

Bestimmte Dermatome (= Hautareal, welches von einem Nerv versorgt wird) des Körpers werden von bestimmten Nerven versorgt und bei Taubheitsgefühl in diesen Dermatomen kann genau auf den Nerv und damit auf die Lokalisation des Bandscheibenvorfalls geschlossen werden. Die unterschiedlichen Symptome wurden bereits im Kapitel „Symptome“ abgehandelt. Anhand der Symptomatik kann der Untersucher auf ein vorliegendes Syndrom schließen und anhand dessen eine Therapie einleiten.

Als nächsten Schritt führt der Untersucher eine Bildgebung durch, bei der zunächst eine Röntgenaufnahme des betroffenen Wirbelsäulenabschnitts erfolgt. Für eine bessere Weichteilbeurteilung kann zudem eine MRT-Aufnahme hinzugezogen werden. Bei Verdacht auf eine Fraktur ist eine Computertomographie empfehlenswert.

Es ist hinzuzufügen, dass die Größe eines Bandscheibenvorfalls auf den Bildaufnahmen nicht unbedingt mit den Beschwerden des Patienten korrelieren müssen. Eine Operationsindikation sollte anhand der Klinik und nicht anhand der Bilder getroffen werden, da auch kleine Bandscheibenvorfälle sehr starke Schmerzen verursachen können.

Therapie bei Bandscheibenvorfall

Allgemein wird bei der Therapie eines Bandscheibenvorfalls zwischen einer konservativen und einer operativen Therapie unterschieden. Zunächst versucht man mit konservativen Mitteln die Schmerzen in den Griff zu bekommen. Konservativ bedeutet ohne die Anwendung einer Operation und umfasst im Falle eines Bandscheibenvorfalls schmerzlindernde Medikamente, wie beispielsweise Paracetamol, Diclophenac oder Ibuprofen .

Des Weiteren werden Lokalanästhetikum-Injektionen (z.B. Lidocain) zur lokalen Schmerzreduzierung angewandt. Im nächsten Schritt gilt es, aktiv die Rückenmuskulatur zu stärken.

Bettruhe hat einen negativen Effekt auf die Heilung und wird heute nicht mehr empfohlen. Physiotherapie mit Fango (=Wärmetherapie), Massageeinheiten und elektrischer Nervenstimulation, sowie einem aktiven Rückentraining, jedoch unter Vermeidung von Fehlhaltungen und dem Tragen schwerer Lasten werden eine große Bedeutung beigemessen. Bei einem Bandscheibenvorfall der Lendenwirbelsäule kann ein Stufenbett Abhilfe schaffen.

Ein Stufenbett ist ein Würfel oder ein Kissen, welches unter die Waden gelegt wird, sodass die Wirbelsäule beim Schlafen entlastet wird. Auch tagsüber kann ein Stufenbett den Rücken entlasten. Bei Bandscheibenvorfällen der Halswirbelsäule empfiehlt sich eine vorübergehende „Halskrawatte“, auch „Schanz-Verband“ genannt, der die Wirbelsäule entlastet.

Hinweis

Wenn die Schmerzen über 6 Wochen anhalten oder es zu zum wiederholten Auftreten von Schmerzen kommt, ist eine Operation indiziert. Dasselbe gilt bei motorischen Ausfällen, Inkontinenz von Harn oder Stuhl oder sonstigen Zeichen, die auf einen Wurzeltod hindeuten (s.o. „Conus medullaris“ und „Cauda equina Syndrom“). In diesen Fällen ist eine Notfalloperation innerhalb von 6 Stunden indiziert, da sonst der irreversible Nerventod droht!

Die Operation eines Bandscheibenvorfalls wird als mikrochirurgische offene Operation mit etwa 3 cm langem Längsschnitt der Haut durchgeführt, bei der die prolabierte Bandscheibe herausgenommen und eventuell mit einer neuen Bandscheibe (Bandscheibenprothese) ersetzt wird. Eine Prothese wird vor allem bei jungen Patienten empfohlen.

Wie ist die Prognose eines Bandscheibenvorfalls?

Die Operation eines Bandscheibenvorfalls hat eine gute Prognose. In der Regel sind 80 % der Patienten nach erfolgreicher OP beschwerdefrei. Eine konservative Therapie schlägt oftmals nicht an und führt zu häufigen Rezidiven. Bei einer Operation kommt es in 5 bis 10 % zu erneuten Beschwerden.

Komplikationen einer Operation beinhalten eine Verletzung des Rückenmarks, eine Verletzung von Nerven, Blutungen, eine Infektion der Bandscheiben, sowie ein sogenanntes „Postnukleotomiesyndrom“. Darunter versteht man diffuse Rückenschmerzen , welche durch eine Arthrose der Wirbelgelenke, aufgrund der fehlenden Bandscheibe, ausgelöst werden. Dieses Syndrom tritt nur in wenigen Fällen nach einer Operation auf, doch ist eher schlecht zu behandeln.

Alternativmedizinische Behandlungsmöglichkeiten und Haushaltsmittel bei einem Bandscheibenvorfall

Den Status seiner Rückenmuskulatur hat man zum Großteil selbst in der Hand. Mit einfachen Mitteln und regelmäßiger körperlicher Aktivität kann man effektiv Bandscheibenvorfälle vorbeugen. Es gilt der Grundsatz: „Stehen, sitzen = schlecht; Laufen, liegen = gut“. Auf der Arbeit sollte man versuchenversuchen, eine ergometrische Sitzposition einzunehmen und sich regelmäßig die Beine vertreten.

Ein gerader Rücken bei körperlichen Tätigkeiten verhindert effektiv das Auftreten eines Bandscheibenvorfalls. Insbesondere beim Gewichtheben, beim Tragen schwerer Lasten oder dem Aufheben schwerer Gegenstände sollte man immer darauf achten aus der Hocke, mit Kraft aus den Beinen Lasten aufzuheben und dabei einen geraden durchgestreckten Rücken zu bewahren. Im Internet lassen sich zahlreiche Übungen und Anleitungen zur Kräftigung der Rückenmuskulatur finden.

Diese können und sollten in Absprache mit dem Hausarzt und dem behandelten Physiotherapeuten regelmäßig durchgeführt werden. Dabei sollte darauf geachtet werden, dass mit dem Aufbau der Rückenmuskulatur nicht bis zum Auftreten eines Bandscheibenvorfalls gewartet werden sollte, sondern präventiv gehandelt werden sollte.

Wissenswert

Gerade im Alter von 25 bis 50 ist ein regelmäßiges Rückentraining unverzichtbar, um einem Bandscheibenvorfall vorzubeugen.

Empfehlungen zur Nachsorge bei einem Bandscheibenvorfall

Auch nach dem Auftreten eines Bandscheibenvorfalls gilt es, die Rückenmuskulatur nachhaltig zu stärken, um einem erneuten Bandscheibenvorfall vorzubeugen. Dies wird erreicht mit kräftigenden Übungen für die Rückenmuskulatur, wie bereits oben bei präventiven Maßnahmen erwähnt wurde. Wenn möglich, sollte es ebenfalls zu einer Gewichtsreduktion kommen, da jedes Kilogramm weniger mehr Entlastung für die Wirbelsäule bedeutet.

Ebenso sollte daran gedacht werden die Sitzsituation am Arbeitsplatz zu ändern und ggf. zu beeinflussen, z.B. mit der Bereitstellung von Stehtischen, Sitzbällen, etc., welche die Wirbelsäule entlasten.

Zusammenfassung

Ein Bandscheibenvorfall beschreibt das Auftreten starker Schmerzen und ggf. motorischen und sensorischen Ausfallerscheinungen aufgrund des Vorfalls (= Prolaps) einer Bandscheibe auf einen vom Rückenmark her austretenden Spinalnerv. In 90 % der Fälle ist die Lendenwirbelsäule betroffen und am häufigsten treten Bandscheibenvorfälle zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr auf.

Präventiv als auch konservativ steht die Kräftigung der Rückenmuskulatur im Vordergrund mit Steigerung der körperlichen Aktivität, wenngleich beim Versagen der konservativen Therapie eine Operation notwendig ist, welche in 80 % der Fälle zu einer Besserung der Symptomatik führt.

Häufig gestellte Patientenfragen, beantwortet

Begriffe

Arthrose

Arthrose ist eine degenerative Gelenkserkrankung, also eine Verschleißerscheinung des Knorpelgewebes.
Als eine Fraktur (Knochenbruch) bezeichnet man die Unterbrechung der durchgängigen Struktur eines Knochens, die mit Schmerzen und einem Funktionsverlust einhergeht. Alle Knochen können von einer Fraktur betroffen sein
Ibuprofen ist als entzündungshemmendes, fiebersenkendes und schmerzlinderndes Mittel unverzichtbar ist. Die Behandlung sollte jedoch so kurz wie möglich erfolgen. Von langfristiger Anwendung sollte man, wenn es möglich ist, absehen.
Menschen, die unter einer Inkontinenz (Harninkontinenz) leiden, können den Harn nicht mehr richtig halten. Aus diesem Grund geht der Harn bei ihnen immer wieder unwillkürlich ab.
Rückenschmerzen zählen zu den häufigsten Erkrankungen, wegen denen Patienten einen Arzt aufsuchen. Es ist davon auszugehen, dass beinahe jeder Mensch mindestens einmal in seinem Leben mit Schmerzen im oberen oder unteren Rücken zu kämpfen hat.
Von "Taubheit" (Gehörlosigkeit, Surditas, Anakusis) spricht man immer dann, wenn Töne oder Geräusche garnicht mehr wahrgenommen werden können.
Ein Taubheitsgefühl (Hypästhesie) beschreibt das Unvermögen über die Hautoberfläche verschiedene Sinnesreize wahrzunehmen.

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