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Bauchspeicheldrüsenkrebs: Herausforderungen und Hoffnungen in der personalisierten Therapie

Rüdiger Braun

Interview mit PD. Dr. med. Rüdiger Braun

Über PD. Dr. med. Rüdiger Braun:

PD Dr. med. Rüdiger Braun studierte von 2004 – 2011 als Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes Medizin an der Universität Hamburg. Es folgte die Approbation 2011 sowie die Promotion 2012 (Institut für Biochemie und Signaltransduktion, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf). Seine Weiterbildung zum Facharzt für Viszeralchirurgie begann Dr. Braun 2012 an der Klinik für Chirurgie der Universität zu Lübeck. Von 2015 – 2017 absolvierte er gefördert von der Deutschen Krebshilfe ein Postdoctoral Fellowship am National Cancer Institute (Section for Cancer Genomics, Genetics Branch, CCR). Seit 2019 ist er Mitglied der Exzellenz-Akademie des Konvents der Lehrstuhlinhaber für Allgemein- und Viszeralchirurgie in Deutschland. Die Anerkennung zum Facharzt für Viszeralchirurgie erfolgte 2021. Dr. Braun habilitierte und erhielt die Venia Legendi für das Fach Chirurgie an der Universität zu Lübeck 2022.

Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte sind translationale und experimentelle Forschungsprojekte zu gastrointestinalen Tumoren, insbesondere des Pankreaskarzinoms. Insbesondere beschäftigt sich Dr. Braun mit ex vivo Kultursystemen zur Therapieprädiktion im Rahmen der personalisierten Medizin sowie der intratumoralen Heterogenität und ihrer Bedeutung für das individuelle Therapieansprechen.

Was macht Bauchspeicheldrüsenkrebs im Vergleich zu anderen Krebserkrankungen besonders herausfordernd?

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Im Vergleich zu anderen Krebserkrankungen wird der Bauchspeicheldrüsenkrebs durch den Mangel an frühen Symptomen häufig erst sehr spät entdeckt und hat eine hohe Metastasierungstendenz. Beides führt dazu, dass die Erkrankung meist erst im weiter fortgeschritten Stadium diagnostiziert wird. Die vollständige chirurgische Entfernung der Tumore ist derzeit die einzig kurative Behandlungsmöglichkeit. Obwohl sich die chirurgischen Operationsverfahren in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt haben, ist eine vollständige Entfernung des Tumors bei vielen Patienten nicht möglich. Somit spielt auch die medikamentöse Chemotherapie in der Behandlung des Bauchspeicheldrüsenkrebses eine wesentliche Rolle. Zwar wurden auch im Bereich der medikamentösen Behandlung in den letzten Jahren entscheidende Fortschritte erzielt, jedoch zeichnet sich der Bauchspeicheldrüsenkrebs durch eine hohe Resistenz gegenüber Chemotherapeutika aus. Individualisierte, medikamentöse Therapiemöglichkeiten spielen bisher im klinischen Alltag leider eine nur untergeordnete Rolle.

Wie unterscheidet sich organotypische Schnittkulturen von anderen Verfahren, die bereits heute zur Untersuchung von Krebserkrankungen verwendet werden?

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Zur Etablierung der organotypischen Schnittkulturen schneiden wir eine Probe eines Bauchspeicheldrüsentumors direkt, nachdem wir diesen im OP entfernt haben, in unserem Forschungslabor in sehr dünne (300 µm) Schnitte und kultivieren diese Schnitte dann auf speziellen Membranen in Nährmedien. Dadurch wird der individuelle Gewebskontext des Bauchspeicheldrüsentumors vollständig erhalten. So bleiben alle Bestandteile des Tumors, also neben den Krebszellen auch zum Beispiel das Bindegewebe und die Immunzellen, erhalten, was in herkömmlichen zweidimensionalen Zellkulturen nicht und auch in dreidimensionalen Organoidkulturen nur bis zu einem bestimmten Grad erreicht werden kann. Im Vergleich zu Tiermodellen, wie z.B. nach Implantation einer Tumorprobe in eine Maus, kann die natürliche Immunkomponente des individuellen Tumors für eine gewisse Zeit in der Kultur erhalten werden. Die Herstellungszeit der organotypischen Kulturen ist mit etwa einer Woche im Vergleich zu anderen Modellen sehr kurz, so dass dieses Modell künftig potentiell die individuelle Therapietestung im Labor für individuelle Patienten erlaubt und Testergebnisse zeitgerecht wieder in die klinische Versorgung translatiert werden können. Wissenschaftlich ist zur weiteren Erforschung künftiger Therapiemöglichkeiten v.a. der erhaltene Gewebskontext hoch interessant, weil dieser räumlich-aufgelöste molekulare Analysen erlaubt, wie z.B. auf Ebene der Gen- und Proteinexpression.

Wie tragen die Ergebnisse Ihrer Arbeit zur personalisierten Therapie bei?

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Mit Hilfe der organotypischen Schnittkulturen können wir innerhalb weniger Tage herausfinden, wie die Gewebeprobe eines individuellen Patienten im Kultursystem auf die getesteten Therapieoptionen anspricht. Für die Analyse des Therapieansprechens nutzen wir Standardfärbetechniken aus der Histopathologie, die auch im klinischen Alltag angewendet werden können. Zusätzlich beginnen wir jetzt im Rahmen eines durch die Else Kröner Fresenius-Stiftung geförderten Forschungsprojektes das Therapieansprechen der organotypischen Schnittkulturen durch räumlich-auflösende Methoden molekular auf Gen- und Proteinexpression zu analysieren. So können wir neben der Therapievorhersage auch durch die Therapie induzierte Gewebsveränderungen im molekularbiologischen Kontext untersuchen. Dies kann durch Erweiterung des Standardpanels zur präziseren Vorhersage der Prognose individueller Patienten führen und gleichzeitig zur Entwicklung neuer Therapiestrategien beitragen.

Was würden Sie Patienten raten, die neu mit Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert wurden?

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Die Behandlung von Patienten mit neu diagnostiziertem Bauchspeicheldrüsenkrebs sollte in einem spezialisierten, zertifizierten Zentrum erfolgen, in dem Zugang zu einer interdisziplinären Versorgung besteht. Die multimodale Therapie erfordert die enge Zusammenarbeit verschiedener Fachdisziplinen mit weitreichender Expertise. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Fachdisziplinen wie Onkologie, Chirurgie, (interventionelle) Radiologie, Gastroenterologie und Pathologie ist für eine optimale Behandlung des Bauchspeicheldrüsenkrebs essentiell. Durch die höhere Anzahl an behandelten Fällen in spezialisierten Zentren steigt die Qualität der Behandlung und führt nachweislich zu einer besseren Behandlungsprognose. Zusätzlich können Patienten im Rahmen ihrer Behandlung an Studien, wie beispielsweise unserer, teilnehmen und so zum Fortschritt in der Behandlung beitragen. Künftig werden individuelle Behandlungskonzepte, die beispielsweise an unserem Universitätscampus durch das Molekulare Tumorboard verfolgt werden, meines Erachtens zusätzlich deutlich an Bedeutung in der klinischen Behandlung gewinnen.

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