Medisigel logo

Wertigkeit von Methadon im Rahmen der Multimodalen Glioblastom Therapie

Profilbild von Dr. med. Danny  Jazmati

Geschrieben von Dr. med. Danny Jazmati

Methadon wurde lange Zeit als ein Hoffnungsbringer in der Therapie von Glioblastomen angesehen. Es schien, als gäbe es endlich eine Chance auf Heilung bei einer sonst in der Regel tödlich verlaufenden Erkrankung.

Methadon schien ein Wunder in der modernen Krebstherapie zu sein. Es wurden Patienten berühmt, die ein Glioblastom (WHO Grad IV) überlebt hätten. Eine Forscherin des Universitätsklinikums Ulm (Dr. Claudia Friesen) zeigte Laborexperimente, die die wundersame Wirksamkeit zeigen sollten.

Auch persönliche Therapieerfahrungen des Arztes Dr. Hilscher schienen besser zu sein, als die gängigen Erfahrungen. Das gleiche galt für eine Fallsammlung, mit einer sehr begrenzten Anzahl an Patienten. Die Kohorte war so klein, dass statistische Untersuchungen aus wissenschaftlicher Sicht nicht möglich sind und damit kein Urteil zur Wirksamkeit erlauben würden.

Aber es schien diese Wunder von Patienten, die eine tödliche Erkrankung (Glioblastom WHO Grad IV) tatsächlich überlebt hätten.

Medienberichte in TV-Sendern mit den Titeln "Methadon als Krebsmittel", "Die Reaktionen: Methadon gegen Krebs" und "Methadon als Lebensretter für hoffnungslose Krebspatienten" führten zu einer öffentlichen Meinungsbildung gegenüber dem Medikament Methadon.

In einer Umfrage unter behandelnden Ärzten gaben mehr als zwei Drittel der Ärztinnen und Ärzte an, von ihren Patienten aktiv auf Methadon angesprochen worden zu sein.

Bis dahin wurde Methadon vor allem in der Schmerztherapie oder bei der Entzugstherapie von Heroinabhängigen verwendet.

Es gab und gibt bis heute jedoch keine Studiendaten, die eine Wirksamkeit von Methadon in der Behandlung von Glioblastomen klinisch belegen können. In den öffentlichen Fernsehsendungen wurde auf Laborexperimente an Zellen und auf einzelne klinische Fallbeispiele oder "Wunder" verwiesen.

Ein Zusammenhang zwischen diesen Fallbeispielen und der Therapie mit Methadon konnte nicht sicher hergestellt werden. Nichtsdestotrotz war die Öffentlichkeit von dieser Darstellung so angetan, dass es zu einer Petition für mehr Forschung zum Einsatz von Methadon in der Krebstherapie kam.

Kritische Stimmen und öffentliche Reaktion

Aufgrund der fehlenden Datenbasis warnten die führenden onkologischen Fachgesellschaften vor einer frühzeitigen flächendeckenden Anwendung von Methadon. Die Öffentlichkeit reagierte darauf mit Unverständnis.

Die öffentliche Diskussion wurde angeheizt von Verschwörungstheorien, in denen behauptet wurde, die Pharmaindustrie würde den Einsatz von Methadon behindern, da sonst die "teure" Chemotherapie nicht mehr eingesetzt werden würde.

Diese Kritik ist inhaltlich falsch, da in allen Fallberichten zu Methadon dieses immer in Kombination mit der herkömmlichen Therapie angewendet wurde. Zu keinem Zeitpunkt wurde von den Befürwortern der alleinige Einsatz ohne Chemotherapie empfohlen.

Aufgrund des öffentlichen Drucks führte dies jedoch dazu, dass Methadon in vielen Kliniken in die Gesamttherapie von Glioblastom-Patienten eingeschlossen wurde. Ärztinnen und Ärzte waren so unter Druck gesetzt, dass Patienten teilweise eine Standardtherapie ohne Methadon verweigerten oder es über dubiose Quellen eigenständig organisierten und einnahmen.

Methadon ist jedoch mit vielen, teilweise schwerwiegenden Nebenwirkungen verbunden, insbesondere in Kombination mit einer schweren Gesamt-Therapie. Dies führte bei mindestens einem Patienten zu tödlichen Folgen.

Aktuelle Forschungsergebnisse

Nachdem etwa zwischen 2017 und 2018 eine Art Hype um dieses Medikament in Deutschland und anderen Teilen der Welt vorherrschte, konnte eine Leipziger Studiengruppe zeigen, dass die Einnahme von Methadon nicht in der Lage war, Glioblastom-Krebszellen abzutöten, wenn Methadon in einer Dosierung verwendet wird, die hinsichtlich der Nebenwirkungen vertretbar wäre.

Erst sehr hohe Dosen, die für den Menschen sehr gefährlich wären, könnten einen Einfluss auf die Erkrankung haben. Niedrigere Dosierungen könnten sogar einen gegenteiligen Effekt haben und dazu führen, dass die Tumorzellen schneller wachsen.

Eine weitere Studiengruppe aus Heidelberg konnte zudem zeigen, dass die meisten Glioblastom-Zellen gar keine Andockstelle für Methadon besitzen und das Medikament an diesen Zellen demnach gar nicht wirken könnte. Zusammenfassend gibt es bis heute keine Hinweise, die zeigen, dass Methadon irgendeine Wirkung auf Glioblastom-Zellen haben kann.

Die erste klinische Studie zu Methadon beim Glioblastom wird aktuell am Universitätsklinikum Ulm durchgeführt. Die Daten können dabei helfen, die Wirksamkeit von Methadon im Rahmen der Gesamttherapie von Glioblastom-Patienten besser zu verstehen und die beschriebenen "Wunder" besser einschätzten zu können.

Schlussfolgerung

Leider gibt es bis heute für die Diagnose Glioblastom keine heilenden Therapieansätze. Es ist weiterhin viel Forschung wünschenswert, um den Patienten von morgen in einer heute noch ausweglosen Situation eine vielversprechende Therapieoption anbieten zu können.

Bis heute gibt es keine Hinweise, dass Methadon zu einer Verbesserung des Gesamtüberlebens beitragen könnte. Die Ergebnisse der Ulmer-Studie bleibt es abzuwarten.

Letzte Änderung: 27. August 2023

Glioblastom Experten

Professor Peter Vajkoczy ist ein international renommierter und führender Neurochirurg. Er hat Medizin an der LMU München studiert. Seine Facharztaus...

Zum Profil

Prof. Dr. rer. nat. Frank Gaunitz ist Biochemiker und Leiter der Forschungslabore der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum...

Zum Profil

Verwandte Artikel

Anzeichen und Symptome Diagnose Therapie Rezidiv Endstadium Familie informieren

Medisiegel

Newsletter anmelden

Unsere Artikel sollen Ihnen einen ersten Eindruck von einem medizinischen Thema vermitteln. Sie ersetzen keine ärztliche Untersuchung und Beratung.
Wir übernehmen keine Gewähr für die inhaltliche Richtigkeit und Vollständigkeit der Darstellung.

Copyright © 2022, Medisiegel. All rights reserved.