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Ruhr-Krankheit

Wie häufig ist die Ruhr-Krankheit?

Weltweit lassen sich jedes Jahr ungefähr 200 Millionen Fälle von Shigellose verzeichnen (Inzidenz: 200 Millionen Fälle pro Jahr). Dabei kann der Verlauf der Erkrankung von Patient zu Patient deutlich variieren.

Gesunde erwachsene Menschen müssen in der Regel nicht mit Komplikationen, die mit der Infektion in Zusammenhang stehen, rechnen. Besonders gefährlich ist die Ruhr-Krankheit hingegen für Säuglinge und kleine Kinder.

Was sind die Ursachen und Risikofaktoren einer Ruhr-Krankheit?

Shigellose wird auch Shigellen-Ruhr oder Bakterielle Ruhr genannt. Das Wort Ruhr leitet sich aus dem Altdeutschen "ruora" ab und bedeutet so viel wie „Strömung, schnelles Fließen; schnelle Bewegung", womit in diesem Fall ein ausgeprägter Durchfall gemeint ist, der typisch für das Krankheitsbild ist.

Aus dem letzten Namen geht hervor, dass es sich um eine Krankheit handelt, die durch Bakterien verursacht wird. Die Bakterien, die die Shigellose verursachen, heißen Shigellen. Shigellen haben die Fähigkeit einen Giftstoff zu produzieren, das sogenannte Shiga-Toxin.

Die Shigellose selbst wird zu den Seuchen-Erkrankungen gezählt. Damit wird gemeint, dass mangelnde Hygiene und verunreinigtes Wasser zum Beispiel in Flüchtlingslagern und Kriegsgebieten nicht selten zu Shigellen-Epidemien führen. Der Erreger wird übertragen über verunreinigtes (kontaminiertes) Wasser und Nahrungsmittel (v.a. Milchprodukte und rohes, nicht gewaschenes Gemüse). 

Die Infektion erfolgt also meistens fäkal-oral, als Schmier-Infektion. Der Erreger gelangt insbesondere über die orale Aufnahme von Spuren von Urin oder Kot Infizierter in den Körper. Die Shigellen vermehren sich nur im menschlichen Körper. Die Verbreitung erfolgt jedoch unter anderem auch durch Fliegen. Shigellen sind säurestabil, sie werden also nicht im Magen abgetötet.

Aktuell sind 4 verschiedene Gruppen der Shigellen bekannt:

  • Gruppe A, Shigella dysenteriae: Die Gruppe A Shigella dysenteriae findet man vor allem in den Tropen und Subtropen. Sie bildet mehrere verschiedene Giftstoffe, wie unter anderem das Shiga-Toxin, das zu schweren Krankheitsbildern führt. Die Sterblichkeit liegt unbehandelt bei bis zu fünfzehn Prozent.
  • Gruppe B, Shigella flexneri: Die Gruppe B Shigella flexneri findet sich weltweit. Ihr Verlauf ist im Allgemeinen milder als bei Gruppe A.
  • Gruppe C, Shigella boydii: Die Gruppe C Shigella boydii kommt vor allem in großen Teilen Asiens und in Nordafrika vor. Diese Form ist recht selten und durch einen recht leichter Verlauf gekennzeichnet.
  • Gruppe D, Shigella sonnei: Die Gruppe D Shigella sonnei häuft sich in Mitteleuropa und vor allem bei Kindern. Diese Gruppe D hat kein Shiga-Toxin und einen ebenfalls eher flüchtigen und harmloseren Verlauf. Hier auftretende Symptome werden auch umgangssprachlich als „Sommer-Durchfall“ bezeichnet.

Wie wird die Ruhr-Krankheit übertragen?

Die für die Entstehung der Ruhr-Krankheit ursächlichen Krankheitserreger, die sogenannten Shigellen, werden in der Regel fokal-oral von einem Menschen auf den anderen übertragen. Die Bezeichnung für diesen Übertragungsweg meint, dass die Erreger über den Stuhl ausgeschieden und im Anschluss über den Mund aufgenommen werden.

Die Schmutz- und Schmierinfektion spielt dabei eine entscheidende Rolle. Besonders häufig werden Shigellen übertragen, weil ein Infizierter sich nach dem Stuhlgang nicht richtig (oder überhaupt nicht) die Hände wäscht. Schütteln diese Menschen im weiteren Verlauf die Hand eines Gesunden, so geben sie den Erreger weiter.

Indirekt kann die Übertragung von Shigellen auch über verunreinigte Lebensmittel erfolgen. Darüber hinaus gehören verschmutztes Trinkwasser und infizierte Gegenstände (zum Beispiel Türgriffe) zu den häufigsten Überträgern. Eine Übertragung der Krankheitserreger durch mit Bakterien verseuchtem Badegewässer ist ebenfalls möglich.

Darüber hinaus ist es möglich, dass Shigellen bei sexuellem Analkontakt sowie durch verunreinigte medizinische Geräte übertragen werden.

Das Tückische bei der Ruhr Krankheit ist die Tatsache, dass auch Menschen, die keinerlei Symptome der Erkrankung entwickeln, die bakteriellen Erreger weiter geben können.

Zwischen der Ansteckung und dem Auftreten von Symptomen vergehen 1 bis 4 Tage.

Was sind die Symptome einer Ruhr-Krankheit?

Leichter Verlauf Zu den leichten Verläufen einer Infektion mit Shigellen zählen Symptome, die typsich für eine infektiöse Darm-Entzündung sind. Dazu zählen zum Beispiel wässriger Durchfall (Diarrhö) und grippeähnliche Symptome.

Schwerer Verlauf Der schwere Verlauf einer solchen Infektion ist durch blutig-schleimige Durchfälle, krampfartige, starke Bauchschmerzen mit starkem Stuhldrang und hohes Fieber charakterisiert. Darmblutungen und das Aufreißen von Geschwüren sind nicht selten. Eine Gefahr einer Bauchfell-Entzündung besteht folglich. Es gibt große Flüssigkeits- und Elektrolyt-Verlust und demzufolge die Gefahr einer Austrocknung (Exsikkose), eines Nierenversagens, eines Kreislauf-Zusammenbruches und einer andauernde, tiefe Bewusstlosigkeit, die zum Koma führen kann.

Achtung

Eine Entzündung (Inflammation) ist eine Reaktion des Körpers auf schädliche Reize. Solche Reize können zum Beispiel durch Nahrung oder Wasser aufgenommene Giftstoffe der Shigellose sein.

Diese Giftstoffe lösen dann also quasi als Reize verschiedene Entzündungen in dem Infizierten aus. Dabei kommt es zu generellen Entzündungszeichen wie Schmerzen, Rötung, Schwellung, Überwärmung und Funktions-Einschränkung der betroffenen Region.

Wie wird die Ruhr-Krankheit diagnostiziert?

Das Arzt-Patientengespräch kann Hinweise auf eine Shigellen-Infektion geben. Dabei ist beispielsweise die Reise-Anamnese ein wichtiger Punkt. Reisen in Gebiete mit schlechten hygienischen Verhältnissen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um eine Shigellose handelt.

Während der Anamnese befragt der Arzt den betroffenen Patienten außerdem, wie häufig er unter Durchfällen leidet und welche Konsistenz sein Stuhl generell hat (z.B. weich, breiig oder flüssig). Außerdem ist es im Zuge des Arzt-Patienten-Gesprächs besonders wichtig zu ermitteln, ob und wenn ja welche Beschwerden zusätzlich auftreten (Begleitsymptome. Im Falle der Ruhr-Krankheit kann es zum Beispiel zu Bauchkrämpfen, Fieber und Übelkeit kommen.

Im Anschluss an das Arzt-Patienten-Gespräch wird in der Regel eine körperliche Untersuchung durchgeführt. Während dieser Untersuchung tastet der Arzt den Bauch ab und achtet dabei vor allem auf Resistenzen.

Außerdem achtet er beim Abtasten darauf, ob die Untersuchung bei dem betroffenen Patienten Schmerzen (Druckschmerz) hervorruft. Mit dem Stethoskop kann er im Vorhinein das Abdomen abhören und dabei auf möglicherweise auffällige Darmgeräusche achten. Es ist von besonderer Bedeutung, dass das Abhören stets vor dem Abtasten erfolgt!

Besteht nach dem Anamnesegespräch und der körperlichen Untersuchung der Verdacht auf das Vorliegen der Ruhr-Krankheit, so kann die Diagnose anhand eines Erregernachweises gestellt werden. Außerdem können die ursächlichen Erreger im Labor hinsichtlich möglicherweise vorliegender Antibiotikaresistenzen getestet werden.

Therapie bei einer Ruhr-Krankheit

Da die Shigellose sehr ansteckend ist, sollte sie unbedingt medikamentös behandelt werden. Die medikamentöse Behandlung mit Antibiotika verringert die Zeit in der Betroffen den Erreger weiter geben könne. Auf diese Weise können sowohl die Krankheitsdauer als auch die Ausscheidung der ursächlichen Erreger deutlich gesenkt werden. Die Anwendung von Antibiotika bei Menschen, die an Shigellose leiden, senkt somit auch die Übertragungsgefahr.

Die Antibiotika, die hierbei verabreicht werden können, sind Azithromycin, Fluorchinolone oder Ceftriaxon.

Da mansche Subtypen der Shigellen jedoch resistent gegenüber einiger Antibiotika sind, zeigt eine Behandlung hin und wieder keinen Erfolg. In diesen Fällen muss die Therapie auf ein alternatives Antibiotikum umgestellt werden. Grundsätzlich sollte man mit der Anwendung von Antibiotika vorsichtig sein, denn Schuld an der Entwicklung von Resistenzen ist die zu häufige und mitunter fehlerhafte Verschreibung dieser Medikamente.

Viel wichtiger ist es, die durch die Infektion hervorgerufenen Symptome zu lindern. Dies kann zum Beispiel über krampflösende Medikamente, sogenannte Spasmolytika erfolgen. Besonders häufig wird N-Butylscopolamin verschrieben.

Auch die Einnahme von Medikamenten gegen Durchfall, sollte bei Patienten mit Shigellose genau abgewogen werden. Grund dafür ist die Tatsache, dass die bakteriellen Erreger über den Stuhl aus dem Körper beseitigt werden können. Wird der Durchfall allerdings unterdrückt, so verbleiben sie im Organismus des Patienten.

Der mitunter heftige Durchfall kann dazu führen, dass die Betroffenen dehydrieren. Aus diesem Grund ist es besonders wichtig, auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten. Wenn ein Patient, der an der Ruhr-Krankheit leidet, nicht mehr dazu in der Lage ist selbstständig genug zu trinken, sollte eine stationäre Aufnahme angestrebt werden. Auf diese Weise kann dem Patienten. Flüssigkeit als Infusion über die Vene verabreicht werden.

Mit der Flüssigkeit gehen dem Körper aber auch Mineralien und Salze (Elektrolyte) verloren. Deshalb ist es wichtig, nicht nur den Flüssigkeitsverlust sondern auch den Mineralien- und Salzmangel auszugleichen. Dies kann über eine spezielle Elektrolytlösung erfolgen.

Fieber kann mit fiebersenkenden Medikamenten behandelt werden. Außerdem können krampflösende Medikamente (Spasmolytika wie zum Beispiel N-Butylscopolamin) Linderung verschaffen. Die Dauer der Beschwerden kann sich dadurch wesentlich verlängern.

Wie ist die Prognose bei der Ruhr-Krankheit?

Die Shigellose ist normalerweise gut medikamentös behandelbar. Bei den leichteren Formen ist die Prognose relativ gut, bei schwereren Formen beträgt die Sterblichkeit 3–10 %. Gefährdet sind Menschen in Gebieten schlechter hygienischer Zustände, aber auch Patienten mit geschwächtem Immun-System.

Es kann zu folgenden Komplikationen kommen:

Eine folgenschwere Komplikation ist das Hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS), was auch als Gasser-Syndrom bezeichnet wird. Das HUS wird durch das Shiga-Toxin verursacht und ist ein von den Shigellen selbst gebildeter Giftstoff. Beim hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) handelt es sich um eine schwere Erkrankung.

Vor allem Kinder sind von HUS betroffen und das oft im Anschluss an einen vorangegangenen Infekt. Problematisch bei dem HUS ist, dass sich im  ganzen Körper kleine Blutgerinnsel bilden. Diese Gerinnsel blockieren nämlich dann die Blutversorgung der Organe wie dem Gehirn , dem Herzen und den Nieren. Das toxische Megakolon ist eine weitere mögliche Komplikation, die sich durch eine spontan akute und lebensbedrohliche Erweiterung (Dilatation) des Dickdarms zeigt.

Außerdem kann es im Anschluss an die Erkrankung zum sogenannten Morbus Reiter (Reiter-Syndrom, Morbus bedeutet Krankheit), einer reaktiven Arthritis kommen. Der Morbus Reiter ist eine entzündliche-rheumatische Erkrankung, bei der es zur Entzündung verschiedener Gelenke, der Augen und der Harnröhre kommen kann. Auch Haut-Erscheinungen sind möglich. Das Reiter-Syndrom bildet sich meist von allein zurück.

Nach überstandener Erkrankung scheidet die Person noch etwa 4 Wochen Erreger aus. Dementsprechend können sich noch 4 Wochen weitere Personen anstecken. Eine überstandene Shigellose verleiht eine gewisse Immunität. Diese Immunität besteht aber nur gegenüber den Erregern des gleichen Typs.

Wie kann man einer Ruhr-Krankheit vorbeugen?

Wichtig zur Vorbeugung ist die Einhaltung hygienischer Richtlinien, wie dem gründlichen Händewaschen oder dem Verzicht des Verzehrs von Trinkwasser in Ländern. Dazu zählt auch häufiges Händewaschen. Der Verzicht auf unzureichend gegarte Speisen, Säfte, Eiswürfel kann einer Infektion vorbeugen ("cook it, peel it or leave it" – Koche es, schäle es, oder lass es").

Alternativmedizinische Behandlungsmöglichkeiten und Haushaltsmittel bei einer Ruhr-Krankheit

Bei Durchfall-Erkrankungen sollte unbedingt auf den erhöhten Flüssigkeits-Bedarf geachtet werden. Empfehlenswert sind stille Wasser und Kräuter-Tees. Profitieren kann der Darm von Ballaststoffen wie indischen Flohsamen-Schalen. Gegen Fieber können beispielsweise Wadenwickel (bestenfalls lauwarm bis kühl) zur Anwendung kommen. Bettruhe kann förderlich sein für eine raschere Genesung.

Empfehlungen zur Nachsorge bei einer Ruhr-Krankheit

Es gibt keine festgelegten Nachsorge-Maßnahmen nach einer vollständigen Ausheilung. Im Falle von Komplikationen können jedoch entsprechende Nachsorge-Maßnahmen oder weiter Behandlungen erforderlich sein.

Zusammenfassung

Die Shigellose ist eine Durchfall-Erkrankung, die durch Bakterien verursacht wird. Sie ist sehr ansteckend, weshalb sie unbedingt medikamentös (mit Antibiotika) behandelt werden sollte. In der überwiegenden Zahl der Fälle verläuft die Krankheit leicht und heilt vollständig aus.

Shigellose Karteikarte

Erkrankung zusammengefasst

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Shigellose

Ruhr-Krankheit, Shigellenruhr, bakterielle Ruhr

Betroffene

Organe(e):

Darm

Epidemiologie

  • Manifestationsalter: meist 20-39 Jahre

Risikofaktoren

  • Immunschwäche
  • Aufenthalt in Risikogebieten
  • Diabetes mellitus

Ursachen

  • Shigellen-Bakterien

Symptome

  • Durchfall
  • Fieber
  • Appetitverlust
  • Übelkeit
  • Erbrechen
  • Bauchschmerzen

Komplikationen

  • Dehydratation
  • Gewichtsabnahme
  • Mastdarmvorfall
  • Perforation des Dickdarms

Diagnose

  • Anamnese
    • Haben sie starken Durchfall?
    • Haben sie mehr als 10 Stuhlgänge am Tag?
    • Haben sie Fieber?
    • Leiden sie an Appetitlosigkeit?
    • Ist ihnen übel?
    • Müssen sie sich übergeben?
    • Leiden sie an Bauchschmerzen?
  • Körperliche Untersuchung
    • Abdominelle Untersuchung
  • Laboruntersuchung
    • Stuhluntersuchung: Leukozyten im Stuhl, direkter Erregernachweis
    • Erstellen eines Antibiogramms

Differenzial Diagnose

  • Salmonellenvergiftung

Therapie

  • Medikamente
  • Flüssigkeitssubstitution

Präventionsmaßnahmen

  • Allgemeine Hygienemaßnahmen
  • Stärkung des Immunsystems

Prognose

  • Heilt bei immunkompetenten Menschen idR problemlos ab

Begriffe

Bauchschmerzen

Unter dem Begriff Bauchschmerzen versteht man Schmerzempfindungen, die sich im Bereich des Ober- und Unterbauchs bemerkbar machen. Für die Entstehung der Schmerzen kann es eine Vielzahl von Ursachen geben.
Durchfall gilt im eigentlichen Sinne als Symptom und stellt eigentlich keine eigenständige Erkrankung dar. Es gibt diverse auslösende Erkrankungen, die Durchfall als Symptom zeigen können.
Von Fieber spricht man immer dann, wenn die Körpertemperatur über das normale Maß hinaus erhöht ist. Normalerweise liegt die Körpertemperatur des Menschen zwischen 36,0 und 37,4 Grad Celsius.

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