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Fazialisparese

Hinter dem Begriff Fazialis-Lähmung oder Fazialisparese verbirgt sich eine meist plötzlich auftretende Lähmung einer Gesichtshälfte. Der „Fazialis“ (Nervus fazialis) ist der Nerv, der unter anderem für die Bewegung verschiedener Muskeln im Gesicht und für verschiedene Drüsen verantwortlich ist.

Damit Muskeln bewegt werden können, müssen Informationen vom Gehirn zu den Muskeln geleitet werden und umgekehrt müssen Informationen dieser Muskeln ans Gehirn übertragen werden. Eine solche Übermittlung von Informationen erfolgt mithilfe von elektrischen Signalen über Nerven, die hierbei wie kleine Stromkabel funktionieren.

Wie Stromkabel hat auch die überwiegende Anzahl der Nerven außen eine isolierende Schutzschicht, die aus Myelin besteht. Diese verhindert eine unkontrollierte Ausbreitung von Signalen/Strom zwischen den Nerven. Anders als Stromkabel sind Nerven sehr empfindlich, beispielsweise gegenüber Druck.

Der Nervus fazialis versorgt also die mimischen Muskeln des Gesichts. Genauer gesagt sind es 2 Fazialisnerven, einer links und einer rechts. Jeder der beiden Nerven versorgt ungefähr die Hälfte der Gesichtsmuskeln.

Bei einer Fazialislähmung (Parese) kommt es zu einer Unterbrechung der Signalleitung zwischen dem Gehirn und dem Fazialisnerven. Meist betrifft dieser Ausfall nur eine Seite. Die Kaumuskulatur ist von dieser Lähmung jedoch nicht betroffen, da sie von einem anderen Nerven (Nervus trigeminus) versorgt wird.

Formen der Fazialisparese

Man unterscheidet 2 Formen von Fazialisparesen: eine periphere, die außerhalb des zentralen Nervensystems, sprich Gehirn und Rückenmark, verursacht wird und eine zentrale Form, die ihre Ursache innerhalb des zentralen Nervensystems hat.

Circa 20 bis 30 von 100.000 Einwohnern in Deutschland erkranken pro Jahr an dieser Form der Nervenfunktionsstörung. Damit handelt es sich um die häufigste Form einer Gesichtslähmung, die vor allem jüngere Erwachsene betrifft.

Prinzipiell kann sie aber in jedem Alter auftreten. Typischerweise kommt es zu einem einseitig hängenden Mundwinkel und einer Schwäche des Mundschlusses.

Beim Trinken kann die Flüssigkeit dann unkontrolliert aus dem betroffenen Mundwinkel laufen und beim Essen können Speisereste in der betroffenen Wangentasche zurückbleiben (orale Inkontinenz ). Auch Bissverletzungen kommen vor.

Beim Lachen und Lächeln ist der Mund schief, da der Mundwinkel nur auf der gesunden Seite nach oben bewegt werden kann. Auch das Sprechen ist erschwert, da Laute und Wörter, die mit den Lippen geformt werden, nicht korrekt erzeugt werden können.

Die Stirn kann auf der betroffenen Seite nicht mehr gerunzelt bzw. in Falten gelegt und die Augenbraue kann nicht mehr gehoben werden. Das kann zu Seheinschränkungen führen.

Da der Lidschluss auf der entsprechenden Seite auch nicht mehr vollständig möglich ist (Lagophtalmus), kann es zum einen zur Austrocknung des Auges kommen. Hierbei entstehen Schäden an der Hornhaut, der äußersten Schicht auf dem sichtbaren Teil des Augapfels.

Zum anderen ist die Gefahr einer Verletzung des Auges durch Fremdkörper extrem hoch, da die Schutzfunktion des Oberlids nicht mehr gegeben ist. Beim angestrengten Versuch, das Auge zu schließen, kann es dazu kommen, dass sich der Augapfel nach oben dreht (Bell-Phänomen).

Eine Lähmung des Platysmas ist ebenfalls möglich. Das Platysma ist ein großer, flächiger Hautmuskel, der sich zwischen dem Unterkiefer und der Schlüsselbeinregion bzw. dem oberen Rand der Brustmuskulatur befindet und die Halshaut spannt.

Je nachdem, wo die Signalweiterleitung des Nervs unterbrochen wurde, kann es zu weiteren Ausfällen und entsprechenden Symptomen kommen, wie z.B. Geschmacksstörung im Bereich der vorderen 2/3 der Zunge und einer verringerte Sekretion von Speichel.

Ein außergewöhnliches Phänomen ist die Hyperakusis , eine erhöhte Geräuschempfindlichkeit auf der betroffenen Seite, die durch den Ausfall des sogenannten Stapediusreflexes entsteht, der ebenfalls durch den Fazialisnerv geregelt wird.

Der Stapediusreflex ist eine unwillkürliche Reaktion der Gehörknöchelchen im Mittelohr, der dazu dient, das Innenohr vor Überlastung durch zu laute Geräusche oder Töne zu schützen. Das Austrocknen des Auges wird durch eine zusätzlich mögliche verminderte Produktion der Tränenflüssigkeit verstärkt.

Der entscheidende Unterschied beider Formen (zentrale und periphere Lähmung) ist, dass die periphere Parese unterhalb des Kerngebiets des Fazialisnervs entsteht und die zentrale Form oberhalb im Bereich der Großhirnrinde bis zum Kerngebiet.

Das Interessante ist, dass im Bereich der Großhirnrinde die Nervenleitungen kreuzen, sodass der z.B. rechte Fazialiskern Informationen von der linken Großhirnrinde bekommt und umgekehrt.

Das hat zur Folge, dass die Stirnmuskulatur und der Lidschluss bei der zentralen Form nicht betroffen sind, da sie von der Gegenseite innerviert werden. Somit ist das Vorhandensein dieser Funktionen das gewichtigste Unterscheidungsmerkmal beider Lähmungsformen, während die übrigen oben genannten Ausfälle sowohl bei der zentralen als auch bei der peripheren Fazialisparese auftreten.

Ursachen der Fazialisparese

Ursachen im Überblick

In bis zu 2/3 dieser Fälle ist keine Ursache für die Erkrankung festzustellen, weshalb man die Bezeichnung idiopathische faziale Parese wählt. In den übrigen Fällen kommt eine Vielzahl von Ursachen infrage: dazu gehören unter anderem entzündliche Ursachen, wie z.B. die Neuroborreliose, eine Form der Borreliose, eine Erkrankung, die die durch Zecken übertragen werden kann.

In diesem Fall können sogar beide Fazialisnerven betroffen sein und es kann zu einer beidseitigen Gesichtsnervenlähmung kommen. Die Neuroborreliose ist die häufigste Form der peripheren Fazialislähmung bei Kindern.

Des Weiteren kann es im Rahmen einer wieder aufflammenden Varizellenininfektion, eines sogenannter Zoster oticus, zu einer peripheren Fazialislähmung auf der betroffenen Seite mit starken Ohrenschmerzen, schmerzhafte Bläschen an der Ohrmuschel und am äußeren Gehörgang, sowie einer Schwerhörigkeit und Gleichgewichtsstörungen kommen. Diese schmerzhafte Nervenentzündung mit Fazialisparese nach Zosterinfektion wird auch als Ramsay-Hunt-Syndrom bezeichnet.

Eher selten können Fazialiasparesen aber auch im Rahmen von weiteren Infektionskrankheiten wie Scharlach , Grippe (Influenza), Windpocken, Kinderlähmung (Poliomyelitis), HIV-Infektion, Syphilis (Lues), Lepra und Tuberkulose auftreten.

Bedingt durch Gewalteinwirkung kann durch Knochenbrüche im Bereich des Gesichtsschädels und/oder der Felsenbeine im inneren Schädel der Gesichtsnerv verletzt, abgerissen oder durchtrennt werden. Zu hoher Druck beim Fliegen oder Tauchen (Baro-Trauma) kann ebenso eine Ursache sein sowie die Verletzung des Nervs bei der Geburt mit einer Geburtszange.

Gewebegeschwülste, sogenannte Tumore, sowohl gut- als auch bösartig im Bereich des Nervus fazialis, können durch Druck und/oder Zerstörung den Nerven schädigen und dessen Funktion beeinträchtigen.

Auch Stoffwechselerkrankungen wie zum Beispiel die Zuckererkrankung (Diabetes mellitus ) können ursächlich sein, auch treten Fazialisparesen vor allem im letzten Trimenon der Schwangerschaft häufiger auf, man nimmt an, dass die allgemeine Neigung zu Schwellungszuständen und Thrombosen in dieser Zeit dafür verantwortlich sind.

Der Verlust der Isolationsschicht (Myelin) der Nerven wie zum Beispiel bei der Multipler Sklerose kann eine in diesen Fällen auch beidseitigen Fazialislähmung auslösen.

Im Zusammenhang mit einer Erkrankung des Ohres, beispielweise durch Komplikationen bei einer Mittelohrentzündung durch Bakterien, kann der Gesichtsnerv, der unmittelbar am Mittelohr vorbeiläuft, geschädigt werden.

Im Rahmen ärztlicher und/oder medizinischer Behandlung kann es zu vorübergehender Lähmung durch Betäubung (Anästhesie mithilfe von Spritzen im Bereich von Ohren, Wange oder Kiefer) kommen, ebenso in der Regel vorübergehend durch den Einsatz von Botox (Botuliniumtoxin), aber auch im Rahmen operativer Eingriffe im Bereich des Gesichts oder der Ohren.

Bei Autoimmunerkrankungen, wo sich das eigene Immunsystem gegen körpereigene Strukturen richtet, diese als fremd erkennt, angreift und zerstört, wie zum Beispiel beim Guillain-Barré-Syndrom , kommt es zu Entzündungen verschiedener Nerven in Reaktion auf eine bakterielle oder virale Erkrankung.

Es kommt zu beidseitigen Lähmungen mit Schwäche- und Taubheitsgefühl , die sich von den Beinen aufsteigend in Richtung Arme und Oberkörper und schließlich auf das Gesicht ausbreiten. Die Lähmung kommt in der Regel nach einigen Wochen spontan zum Stillstand und bildet sich dann wieder zurück.

Eine Behandlung im Krankenhaus mit Immunglobulinen und Plasmaaustausch kann den Heilungsprozess deutlich beschleunigen und ist zwingend notwendig, wenn die Atemmuskulatur betroffen ist, gegebenenfalls ist dann auch eine künstliche Beatmung notwendig.

Weitere mögliche Grunderkrankungen, die mit Fazialisparesen einhergehen können, sind der Morbus Boeck, oder Sarkoidose genannt, bei der sich Gewebeknötchen in der Lunge bilden. Aber die Erkrankung kann auch auf das Gesicht übergehen (Heerfordt-Syndrom) und dann eine Gesichtslähmung und/oder Entzündungen der Tränen- und Ohrspeicheldrüse mit Fieber verursachen.

Es gibt auch seltene erbliche Erkrankungen, wie das Möbius Syndrom, das in der Regel eine beidseitige Gesichtslähmung verursacht und beim Säugling zu einem starren und maskenhaften Gesichtsausdruck führt.

Eine weitere vermutlich angeborene seltene entzündliche Erkrankung ist das Melkersson-Rosenthal-Syndrom, das mit einer sogenannten Faltenzunge (Lingula plicata) und anfallsweise auftretender halbseitigen Gesichtslähmung und Schwellung der Lippen einhergeht. Sie tritt meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr plötzlich auf und kann dann auch spontan wieder verschwinden.

Bei dieser Form kommen vor allem Störungen im zentralen Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) als Ursache infrage. Bei der Multiplen Sklerose (MS) beispielsweise verlieren die Nerven Ihre Isolationsschicht und damit ihre gesunde Funktion.

Tumore und deren Ausbreitung im Bereich des Nervus fazialis oberhalb des peripheren Kerns, beziehungsweise im Bereich des verantwortlichen Hirnareals und deren Verbindungen zum Kern drücken auf diese Strukturen und schränken somit deren Funktion ein.

Auch im Rahmen von Schlaganfällen, die aufgrund akuter oder chronischer Durchblutungsstörungen im Gehirn vorkommen, kann es durch mangelnde Sauerstoffversorgung zu Gesichtsnervenlähmungen kommen. Weitere Ursachen können auch hier Verletzungen im Kopfbereich, Einblutungen, Kinderlähmung (Poliomyelitis) und das Möbius-Syndrom sein.

Wann sollte man mit Fazialisparese zum Arzt gehen?

Eine Gesichtslähmung ist immer ein Grund für einen Arztbesuch. Lähmungen generell sind immer als Alarmsignale zu betrachten und sollten umgehend ärztlich untersucht werden. Besteht der Verdacht auf einen Schlaganfall , ist unverzüglich der Rettungsdienst unter der Telefonnummer 112 zu alarmieren.

Anzeichen für einen Schlaganfall

Ein Anzeichen für einen Schlaganfall kann ein Anfall von plötzlicher Schwäche oder Lähmung sein. Eine solche Lähmung kann zum Beispiel das Herunterhängen eines Mundwinkels sein, aber auch Arme und/oder Beine können betroffen sein und sich nicht parallel spiegelgleich bewegen lassen. Meist ist nur eine Körperhälfte betroffen.

Typisch sind auch plötzliche Sprach-Störungen, wie zum Beispiel eine verwaschene Sprache, Wortfindungsstörungen, Verständnis-Störungen und sinnlose Äußerungen. Das spontane Auftreten von Seh-Störungen wie das Sehen von Doppel-Bildern, einem eingeschränkten Seh-Feld oder einer auf einmal auftretenden Seh-Schwäche sind ebenfalls starke Anzeichen.

Genauso sind plötzliche Bewusstseinsveränderung wie ein Orientierungsverlust von jetzt auf gleich, ein Wutausbruch oder Benommenheit und Schwindel mit teilweise extrem starken Kopfschmerzen Symptome, die eine schnellen Abklärung benötigen.

Da es sich beim Schlaganfall um eine Durchblutungsstörung im Gehirn handelt und das Gehirn sehr empfindlich (insbesondere gegenüber Sauerstoffmangel) ist, kommt es relativ schnell zum Absterben von Hirngewebe. Dieses Gewebe ist nach aktuellem Kenntnisstand nur sehr schlecht bis gar nicht fähig, sich zu regenerieren.

Achtung

Ob ein Schlaganfall vorliegt, kann wie folgt getestet werden, wobei abermals darauf hingewiesen sein, dass beim Verdacht nirgends nachgelesen werden sollte, sondern direkt der Rettungsdienst alarmiert werden sollte. Mit dem FAST-Schema kann man sich schnelle Methoden zur Untersuchung bei einem möglichen Schlaganfall erinnern:

Face – Hier wird das Gesicht kontrolliert, in dem man den Patienten zu einem Lächeln auffordert. Für einen Schlaganfall wäre hier das Herabhängen eines Mundwinkels typisch.

Arms – Der Patient soll beide Arme mit den Handflächen nach oben gleichzeitig anheben. Fällt es ihm schwer beziehungsweise geht nur ein Arm den Anweisungen nach ist es ein weiteres wichtiges Indiz.

Speech – Jetzt wird die Sprache kontrolliert. Antwortet der Patient unklar und wirr und fällt es ihm schwer, einfache Sätze nachzusprechen? Dann ist es ebenfalls ein Anzeichen für einen Schlaganfall .

Time (Zeit) – Der letzte Buchstabe steht für die Zeit. Bei einem Schlaganfall ist höchste Alarmstufe geboten. Nun muss schnell reagiert werden, um die Folgen eines Schlaganfalls so klein wie möglich zu halten. Hier zählt jede Minute!

Behandlung von Fazialisparese

Behandlungsmöglichkeiten im Überblick

Periphere Form = verursacht außerhalb des zentralen Nervensystems (Gehirn + Rückenmark)

Ist keine Ursache für die Lähmung zu finden, kann innerhalb von 72 Stunden eine medikamentöse Therapie begonnen werden. Die Medikamente, die zum Einsatz kommen, zählen zu den sogenannten Glukokortikoiden (auch Steroiden), die dann in der Regel 10 Tage lang oral eingenommen werden sollen.

Eine kürzere, aber höher dosierte Anwendung ist ebenfalls möglich. Medikamente dieser Gruppe können nur zeitlich begrenzt eingesetzt werden. Wegen zahlreicher, teils ernsthafter Nebenwirkungen sollte die Einnahme streng nach Anweisung des Arztes erfolgen.

Darüber hinaus können spezielle Physio-Therapien, Ergo-Therapien und Logopädie gute Behandlungseffekte erzielen. Bei Beeinträchtigungen des Lid-Schlusses ist es außerdem wichtig, das Auge entsprechend vor Austrocknung zu schützen. Dazu können Tränen-Ersatzmittel und bestimmte Augensalben verwendet werden.

In einigen Fällen kann das vorübergehende Anlegen eines sogenannten Uhrglas-Verbands erforderlich werden. Mit solch einem Verband kann das Auge annähernd luftdicht abgedeckt werden und wird so vor Austrocknung geschützt.

Im Fall von zugrundeliegenden Infektionskrankheiten wie der Borreliose etwa müssen diese Erkrankungen entsprechend behandelt werden. Auch hier steht eine medikamentöse Therapie im Vordergrund.

Je nach Auslöser kommen Antibiotika gegen Bakterien oder Virustatika gegen Viren zum Einsatz. Hält die Lähmung des Fazialis-Nerven an, kann unter Umständen eine operative Therapie versucht werden.

Zentrale Form = verursacht innerhalb des zentralen Nervensystems (Gehirn + Rückenmark)

Die zentrale Fazialisparese wird behandelt, in dem die ursächliche Grunderkrankung behandelt wird. Schlaganfälle sollten unbedingt auf hierauf spezialisierte Krankenhaus-Stationen (Stroke Units) behandelt werden.

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